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Firmengeschichte

Die Dorfschmiede in Römstedt war seit 1749 im Besitz der Familie Schulze. Die "Landschmiedemeister" waren für Herstellung und Reparatur aller Gegenstände aus Schmiedeeisen zuständig. Der Beschlag der Pferde und Ochsen gehörte ebenso zu ihren Aufgaben wie die Herstellung der Eisenteile an Wagen, Pflügen und anderem Arbeitsgerät. Darüber hinaus wurden Beschläge und Nägel für den Hausbau und den Bedarf der Tischler gefertigt. Auch für den hauswirtschaftlichen Bereich wurde gearbeitet: Waffeleisen, Bratpfannen, Kesselhaken und viele andere Geräte fertigte und lieferte die Römstedter Schmiede. In dieser noch ganz durch traditionelle Produktion gekennzeichneten Zeit hatte Johann Heinrich Casten Schulze (1780 - 1826) die Schmiede inne. Sein Grabstein wurde ihm von seiner Familie gewidmet; er stand bis etwa 1940 auf dem Friedhof in Römstedt, danach im Hausgarten der Familie Schulze in Bevensen. Heute befindet er sich im Museum.

Im 19. Jahrhundert setzte durch verbesserte Landbaumethoden (Düngung, Sortenzüchtung, Mechanisierung etc.) eine verstärkte Nachfrage nach Maschinen und Geräten für die Landwirtschaft ein. Dadurch veränderte sich die Produktion der Schmieden; sie mußten mit neu entstehenden Industriebetrieben konkurrieren: handbetriebene Bohr- und Stauchmaschinen sowie Reifenbiegemaschinen fanden als erste technische Neuerungen Verwendung in ihren Werkstätten. Der Schmiedemeister Johann Heinrich Christoph Schulze (1836-1898) übernahm dann die Schmiede im Jahre 1860. Er baute in größerem Umfang Kutschen und stellte außerdem Kartoffelrodemaschinen, Göpel und Rübenschneider her. Der Produktionsumfang der Römstedter Schmiede wuchs so stark an, daß zwischen 1872 und 1878 wiederholt Erweiterungen der Werkstatt durchgeführt werden mußten. In dieser Zeit arbeiteten bereits sieben Gesellen und drei Lehrlinge in der Schmiede unter der Aufsicht des Meisters. Sein Sohn Wilhelm führte diese Entwicklung konsequent weiter.

GEORG H. WILHELM SCHULZE IM ALTER VON 18 JAHREN


Ausbildung in Holzminden (1878/79)

Georg Heinrich Wilhelm Schulze, * 30.12.1861 + 28.05.1958, besuchte zwischen 1867 und 1876 die zweiklassige Schule in Römstedt, bevor er bei seinem Vater das Schmiedehandwerk erlernte. Nach nur zwei Jahren, in denen er sich im Rahmen privaten Unterrichtes auch auf den Besuch des Technikums in Holzminden vorbereitete, beendete Wilhelm Schulze seine Lehrzeit. Über den Besuch des Technikums berichtete er in seinen "Lebenserinnerungen":

"Das gesamte Pensum des Technikums Holzminden war auf vier Semester verteilt. Es gab außerdem eine Vorschule für die 3. Klasse. Am 2. Ostertage des Jahres 1878 brachte mich mein Vater mit unserem Wagen nach dem Bahnhof Bevensen und ich fuhr dann allein nach Holzminden... Die Schule war damals stark besucht, es waren mehr als 1000 Schüler....im übrigen habe ich aber in Holzminden mit meinem Freunde Sannemann die sonnigsten und schönsten Tage meines Lebens verlebt... Im Herbst des Jahres 1878 war in Berlin eine bedeutende Gewerbeausstellung..., habe dort sehr viele Erfahrungen für meine weitere gesammelt. Das Bemerkenswerteste für mich war die erste elektrische Bahn, welche hier gezeigt wurde...Auch die sonstigsten neuesten Erfahrungen konnte ich in diesen Tagen in Berlin sehen."

Ein Phonograph (eine "Sprechmaschine") und ein Telefon beeindruckten den jungen Schulze sehr. I"m Herbst 1879 nach Beendigung meiner Schulzeit, kehrte ich nach Römstedt zurück. Zu dieser Zeit hatten die flotten wirtschaftlichen Verhältnisse etwas nachgelassen, so daß der Wagenbau auch nicht mehr so florierte." Nach Besichtigung zweier Maschinen in der Umgebung und einem Besuch bei der Bergedorfer Eisengießerei begann Wilhelm Schulze mit der Konstruktion seiner ersten Dreschmaschine.
Geeignete Zubehörteile fand er nach vergeblichen Verhandlungen mit der Eisengießerei Bültemann in Uelzen bei der Eisengießerei in Tangerhütte. "Ich hatte nun allerdings nicht die gerinste Erfahrung darüber, wie solche Maschine (Dreschmaschine) hergestellt werden könnte...Da ich eine Drehbank nicht besaß, mußte alle Dreharbeit von Tangerhütte geliefert werden, wozu ich die Zeichnungen stellte... Es war mir nun aber doch gelungen, die erste Dreschmaschine in die Welt zu setzen. Es war eine auf vier großen Fahrrädern fahrbare Maschine, welche sehr schnell aufgestellt und in Betrieb genommen werden konnte..."

Eine Fabrik entsteht (1885 - 1887)

1881 begann Wilhelm Schulze eine dreijährige Dienstzeit, während der er Hufbeschlag-Ausbilder wurde. Anschließend befand er sich ein Jahr auf Reisen ("Wanderjahre") und arbeitete in verschiedenen Betrieben. Während dieser Reisen erwarb er auch eine erste Drehbank mit Fußantrieb für die väterliche Schmiede in Römstedt. 1885 nahm die Schmiede in Römstedt auch die Herstellung von Häckselmaschinen auf. Neben der Arbeit in der Schmiede die mit sechs Gesellen und drei Lehrlingen geführt wurde, wurden 1885 auch ein Schlosser und ein Dreher für den Dreschmaschinenbau eingestellt, die Stellmacherarbeiten zu den Maschinen wurden vom Stellmacher Burmester in Römstedt ausgeführt. Zulieferer für Eisengußteile und die zugehörigen Modelle war das Lüneburger Eisenwerk. 1886 wurde durch den Abbruch einiger Gebäude Raum für den Neubau einer Maschinenwerkstatt geschaffen. Dieser Neubau war "die erste kleine Maschinenfabrik". Im Erdgeschoß befanden sich Schlosserei, Dreherei und eine erste, gebraucht in Magdeburg erworbene Dampfmaschine. Im Obergeschoß wurde die Tischlerei mit selbstgebauter Bandsäge und Hobelmaschine eingerichtet... " Als ich 25 Jahre alt war, bot mir mein Vater an, Teilhaber des Geschäftes zu werden. Wir gingen darauf zusammen nach dem Amtsgericht Medingen und ließen dort für unsere Firma eintragen: -Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen und Geräthe J. Schulze und Sohn in Römstedt bei Bevensen." Im Jahre 1887 legte Wilhelm Schulze in Uelzen die Meisterprüfung ab.

MEISTERBRIEF VON WILHELM SCHULZE 09.10.1887 UELZEN


Die Fabrik kommt nach Bevensen

1897/98 wurde das erste Fabrikgebäude in Bevensen direkt neben den Bahngleisen errichtet. Ein Teil der Fertigung konnte in Bevensen noch 1898 begonnen werden. Nach dem Verkauf des Anwesens in Römstedt siedelte die Familie Schulze nach Bevensen um. 1im Jahre 1898 starb Johann Heinrich Christoph Schulze. Der VAter des Fabrikgründers hatte seinen Sohn während der "Entwicklungsjahre" stets unterstützt. Den Umzug nach Bevensen erlebte er nicht mehr. Die Firma entwickelte sich schnell.Auf den Ausstellungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft präsentierte die "Bevenser Maschinenfabrik - J.Schulze und Sohn" nun regelmäßig ihr Angebot; neue Prospekte und Inserate förderten den Verakuf. Ab 1902 wurden in einer gesonderten Abteilung LAfetten und Motorverkleidungen für die weltbekannten Motoren der Kölner "Motorenfabrik Deutz" hergestellt. Diese wurden oft zusammen mit Dreschmaschinen versandt. Dadurch wurden die Bevenser Dreschmaschinen nun auch von den Deutz-Vertretungen in Hamburg, Berlin, Leipzig, Danzig und Frankfurt angeboten. Auf Ausstellungen waren die Stände der Bevenser Maschinenfabrik und die von Deutz benachbart.

Die Firma wächst

1903 wurde die erste größere Dampfmaschine der Firma "Wolf-Buckau" in einem neu erbauten Maschinenhaus aufgestellt. Dazu von weiten sichtbar ein hoher Schornstein als Zeichn für eine moderne Fabrik. Die Firma florierte außerordentlich. 1904 wurde mit dem Bau von Strohpressen begonnen. Ab 1906 ging der Bau der Motorlokomobilen zurück, da die Firma Deutz in Köln nun auch die Fahrgestelle selbst herstellte. 1907 war das Jahr mit der bis dahin höchsten Konjunktur. Nach der Umwandlung in eine GmbH und der anschließenden Umwandlung in eine A.G. kam es zu Unstimmigkeiten zwischen W. Schulze und den Teilhabern, von denen einer der zweite Geschäftsführer war. W. Schulze verließ 1909 den Familienbetrieb, der als Bevenser Maschinenfabrik BMF weitergeführt wurde. W. Schulze übernahm in Hannover die Gebäude des "Standardwerkes"- einer Haushaltsgerätefabrik. Die Familie hatte große Probleme sich von Haus und Garten in Bevensen zu trennen. Es vergingen einige Monate, bis Frau Schulze und ihre Kinder bereit waren nach Hannover umzusiedeln.

Historische Werbung für die Dreschmaschine Standard-Olympia, eines der Produkte aus dem Standardwerk

Luftaufnahme vom Standardwerk im März 1955 (Foto: J. Schulze)


Quelle: J. Schulze / Medingen sowie das Heft Nr. 25, des LANDWIRTSCHAFTSMUSEUM LÜNEBURGER HEIDE - Suderburg Hösseringen, an dessen Erstellung J. Schulze mit dem Verfasser Günther Reimers beteiligt war. (Uelzen 1996. Herausgeber und Bildredaktion: Horst W. Löbert. ISSN 0946-8676. 1. Auflage., 1.-3. Tsd., Vorabdruck in "Der Heidewanderer", Heimatbeilage der Allgemeinen Zeitung der Lüneburger Heide, Uelzen, vom 26.Juni bis 03. August 1996, Redaktion Horst Hoffmann. gedruckt mit freundlicher Unterstützung von Rosemarie Hochmut, geb. Schulze, Hannover) Verwendung mit frdl. Genehmigung von J.Schulze